Der Klang des Tales ist die lange, weite Zunge,
die Farbe der Berge ist nichts anderes als der unkonditionierte Körper,
84000 Verse klingen durch die Nacht,
was kann ich darüber in der Zukunft sagen.

 

Laie Dongpo, Song Dynastie China,
Shobogenzo „Kesei sanshiki“

Shinko Andreas Hagn
Email: andreas@hagn.or.at
Telefon: +43 (676) 7906230

Ich wurde am 31. März 2019 in der Sanshin-Linie von Hoko Karnegis in einer „Shukke tokudo“ Zeremonie als Priester in der Sotoshu Shumuchu ordiniert (im Zen unterscheiden wir nicht zwischen den Worten „Priester“ und „Mönch“). Meine Suche, von Meister zu Meister zu wandern, fand ein Ende. Die Suche verlief so, wie die alten Meister sagen: „Den Weg zu finden, obwohl man ihn nicht sucht, ist der Weg.“

Es ist wohl die Integration der Zen-Praxis in das alltägliche Leben, das mich zur Sanshin-Linie geführt hat und ihre Betonung, wohltätig für die Gemeinschaft zu arbeiten. Diese unaufgeregte, einfache Sichtweise, dass alles Leben Praxis ist und dies immer und überall, in jedem Moment unseres Seins. Dass es nichts Besonderem bedarf, nichts extra braucht, wie zum Beispiel einen schönen Tempel (wobei prinzipiell nichts gegen einen schönen Tempel und schönen Statuen zu sagen ist, ganz im Gegenteil).

Okumura Roshi, der Lehrlinienhalter von Sanshin, lebt mit seiner Familie in einem Haus, das gleichzeitig der Tempel ist und im Souterrain des Hauses ist der Zendo (die Meditationshalle). Er sagt auch, es ist nicht sein Haus, es ist ein Haus Buddhas.
Das Leben und somit die Praxis erwächst nur in uns. Wir lernen zu erfahren, von Moment zu Moment, dass außerhalb von uns eigentlich nichts ist, alles Leben erst in uns entsteht.

Im Nachhinein war das Wort „Reue“ der rote Faden, der mich zur Sanshin-Linie brachte. Das erste Mal las ich das Wort „Reue“ in den Erläuterungen des Genjokoans von Okumura Roshi zur Ryaku-Fusatsu-Zeremonie. Ich hatte Reue vorher im Zen noch nie so verwendet gehört und in seinem Buch „Durch Gelübde leben“ widmet er diesem Wort ein ganzes Kapitel. Wir sollten bei diesem Wort alle mitgebrachten religiösen, sozialen und kulturellen Bezüge fallen lassen und uns darauf einlassen, was im Soto-Zen damit gemeint ist. Es hat nicht im Geringsten etwas mit Schuld zu tun. Unsere Scham wird und darf allerdings zum Vorschein treten. Es geht dabei um das Einlassen auf das, was da ist, was gerade auftaucht, und zuzulassen, dass es da sein darf. Wir haben immer eine Vorstellung, eine Idee, wie wir sein wollen oder sollen, von klein auf werden wir darauf konditioniert. Aber das ist nicht die Wirklichkeit. Wir müssen lernen, dem zu vertrauen, was auftaucht, lernen, es anzunehmen, ihm Raum zu geben. Dabei müssen wir lernen uns einzugestehen, dass wir fehlerhaft sind. Wir müssen unsere Vorstellungen von uns und der Welt vergessen und lernen, uns so anzunehmen, wie wir wirklich sind und die Welt so anzunehmen, wie sie wirklich ist. Nicht dem nachzulaufen, was wir glauben, was oder wer wir sind.
Dieser neue Raum birgt die Möglichkeit zur wahren Veränderung. Die Welt so sehen zu lernen, wie Es ist.
Zen lehrt uns, wenn wir genau hinhören und dem Dharma lauschen, das Paradox des Lebens zuzulassen, die Ambiguitäten unseres Seins anzunehmen und zu verinnerlichen.
Nicht Eins, nicht Zwei, so verstehen wir den mittleren Weg.

Meine innere Entscheidung, Priester zu werden, fiel relativ spät in meinem Leben, ich war 46. Aber sie fiel bald, nachdem ich Soto-Zen zu praktizieren begann. In der größten Krise meines Lebens, im Jahr 2007, fand mich der Zen-Weg am Johanneshof im Schwarzwald. Ganz unvermittelt, ich war nur zu einer Hochzeit eingeladen. Ich traf Zentatsu Baker Roshi. Im Mai 2010 saß ich das erste Sesshin und gleich darauf im Dezember das zweite, ein Rohatsu, und da tauchte sie auf, diese Gewissheit, diesen Weg zu gehen. Das Bild und das Gefühl dazu war, wie wenn man in einem Geschäft von außen den Rollladen herunterlässt und nach Hause geht. Die Zeremonie heißt „Shukke tokudo“ und übersetzt heißt es sowas wie „das Haus verlassen“.
Ein Jahr später wurde ich dann errstmal von Ryuten Rosenblum Roshi als Laie ordiniert und begann, als Seelsorger im Gefängnis zu arbeiten. Die Suche nach einem Lehrer und einer Sangha, die dies unterstützen, brachte mich 2017 zu Kaikyo Robi, einer Nachfolgerin von Okumura Roshi.

Leider verstarb sie sehr schnell nach unserem Kennenlernen, viel zu früh, aber in ihrer letzten Videonachricht, die sie aus dem Hospiz schickte, schlug sie ihre Dharmaschwester Hoko Karnegis als neue Lehrerin vor. Inzwischen bin ich ihr Schüler.


Viele Menschen verwundert es, dass ich noch immer einen ganz normalen Beruf ausübe. In unserer Vorstellung führen ordinierte Buddhisten immer ein sehr zurück gezogenes Leben. Wir im Zen unterscheiden nicht zwischen Mönchen und Priestern, wir sind beides in einem, aber ich sehe mich mehr im Priester-Sein. Da ich als Zen-Priester meine Existenz und die meiner Familie und nicht sichern kann, brauche ich einen weltlichen Beruf. In den USA ist dies sehr üblich. Okumura Roshi meinte dazu, ich soll glücklich sein darüber, denn dadurch bin ich ganz nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen.
Ich bin Kaufmann und Buddha achtete Kaufleute sehr, er schätzte und unterstütze ihr Tun. Meine Frau und ich sind selbstständig und führen eine Handelsagentur für Wohnaccessoires mit der Unternehmung plantago.at. Für die Ausübung brauche ich viele weltliche Dinge, Werkzeuge, wie ein Büro und ein sicheres Auto und noch vieles mehr. Das ist derzeit die Basis für meine weltliche Existenz.
Mit unserem neu gegründeten Verein „1000 Hände – gelebte Verbundenheit“ könnte sich das erweitern.

Dogen Zenji sagt: „Wir wissen nicht, wohin der Tautropfen unseres Lebens vom Grashalm fällt.“

In meiner Seelsorger Tätigkeit arbeite ehrenamtlich als Gefängnisseelsorger und unterstütze Menschen in den Einrichtungen der VinziRast.
Ich teile meine Praxis und übe mich darin, ein Leben nach den Bodhisattva-Gelöbnissen zu führen.

Ich bin registriert in der „Soto Zen Buddhism North America“, der Nordamerikanischen Sotoshu Shumucho Vereinigung.

Mehr Informatiionen zu unserer Praxis findet ihr unter www.daijihi.org

 

Veröffentlichungen:

Buddhismus aktuell 1/2021

ÖBR Magazin 4/2019

ÖBR Magazin 3/2018

ÖBR Magazin 2/2018

ÖBR Magazin 1/2018

ÖBR Magazin 2/2014


Kontakt:
Andreas Hagn
andreas@hagn.or.at
Telefon: +43 (676) 7906230
Dr. Schober Strasse 73
1130 Wien

Diese Seite ist ursprünglich in Gedenken an Ivan D. und Sam J. entstanden.