Um unsere Bodhisattva-Gelübde verwirklichen zu können heißt es, das Leiden der Welt zu hören. Das bedeutet, unser eigenes Leiden und das der anderen zu hören, zu sehen und zu spüren, es anzunehmen, zu teilen und dem Leiden Raum für Entfaltung und Transformation zu geben.

Das Wort „Seelsorge“ ist im buddhistischen Kontext ein schwieriger Begriff, aber lasst uns nicht an Worten anhaften, denn einerseits können mit dem Begriff fast alle etwas anfangen und andererseits ist er in vielen Bereichen rechtsverbindlich.
In den USA, wo die buddhistische Seelsorge schon viel stärker verwurzelt und in die gesellschaftlichen Strukturen integriert worden ist, werden auch die Begriffe „pastoral care“, „chaplaincy“ oder „ministry“ verwendet, die ebenso wie „Seelsorge“ einen christlichen Ursprung haben. Natürlich ist unter diesem Wort auch sehr viel Missbrauch passiert und darum ist es wichtig, dass man es nicht unkommentiert verwendet. Auch moderne Begriffe wie „spiritual care“ kommen ihm nicht nahe, denn damit ist ganz allgemein nur die spirituelle Fürsorge innerhalb des Pflegebetriebs gemeint. Mir persönlich liegt der Begriff „contemplative care“ sehr am Herzen. Er ist umfassend verwendbar und umgeht das Wort „Spiritualität“, welches auch nicht einfach ist.

Aber was ist das eigentlich genau, die Seelsorge, was bedeutet sie, was macht sie, was machen wir als Seelsorger*innen?
Mit all diesen Versuchen einer Definition müssen wir sehr sorgfältig und wachsam umgehen und sie bedürfen einer ausführlichen permanenten Kommentierung. Denn wir versuchen hier, dem Unsagbaren Ausdruck zu verleihen. Den Orten, wo wir uns nicht hindenken können, dieser Insel ohne Worte, wie es Wittgenstein ausdrückte, Worte zu verleihen.

Seelsorge ist keine psychologische oder sozialarbeiterische Tätigkeit wie wir sie im alltäglichen gesellschaftlichen Kontext verstehen, sie geht weit darüber hinaus, auch über das übliche Vermitteln von Dharma („Dharma“ heißt im allgemeinen Gebrauch die buddhistische Lehre).
Seelsorge arbeitet nicht nach empirisch entwickelten Methoden, sondern nährt sich aus der seit Jahrtausenden entwickelten Erfahrung der geistigen Schulung durch kontemplative Praktiken und den daraus erwachsenden Möglichkeiten der wechselseitig wirkenden, kontemplativen Transformation.
Dies bedeutet kein Ausschließen oder Abwerten von psychologischen Therapieformen, sondern ist ein sowohl als auch, ein Miteinander.

Seelsorge ist an und für sich grenzenlos.
Wir lernen allerdings sehr früh, uns abzugrenzen, uns von dem, was uns umgibt, abzutrennen und es als Objekt wahrzunehmen. Als etwas, was außerhalb von mir selbst existiert, aus der Etymologie des Wortes Objekt herauskommend als ein „Gegen, ein Anderer“. So funktioniert unser konditionierter Geist, unser Selbst. Mit dieser Trennung beginnt allerdings schon unser ursprüngliches Leiden. Wir erleben uns als getrennt von unserer Umgebung und dieser Zustand beunruhigt uns, verunsichert uns. In der buddhistischen Psychologie ist das dafür gebräuchliche Wort „Dukkha“.
Diese Form der Wahrnehmung stimmt aber überhaupt nicht mit der Wirklichkeit überein, hier nur ein paar Beispiele: Wir atmen alle dieselbe Luft, gefüllt mit dem Atem der anderen, auch gefüllt mit dem Microbiom der Anderen. Das Microbiom ist für jedes Lebewesen, da zählen auch Pflanzen dazu, einzigartig und enthält unzählige, rund 30 Billionen, mikroskopisch kleine Lebewesen, wie Bakterien, Pilze und ähnliches und alle Lebewesen, auch Pflanzen. Und diese für jedes Lebewesen einzigartige Microbiome kommunzieren ständig untereinander und miteinander.
Wir trinken alle dasselbe Wasser, das schon seit ewigen Zeiten auf diesem Planeten zirkuliert, wir scheiden es aus, die Erde reinigt es, es fließt in einen Fluss, dann ins Meer und dort verdunstet es wieder. Über den Regen wird es wieder zu Grundwasser und kommt in unsere Brunnen und unsere Münder.
Alles es ist mit allem wechselseitig und permanent in Verbindung.
Aber um emotional überleben zu können, lernen wir früh, uns abzugrenzen. Das ist wichtig, aber es trennt uns vom Anderen, wir generieren eine imaginäre Außenwelt, die eigentlich nur in unserer eigenen Vorstellung existiert, zu unserem eigenen Universum herananwächst.
In unserem gesellschaftlichen Zusammenleben haben wir diese Fragmentierungen übernommen. Diese Fragmentierungen haben viele Ebenen und ziehen sich durch unser ganzes gesellschaftliches Zusammenleben. Ein paar Beispiele: Alles, was wir nicht als „normal“ ansehen, wird abgetrennt und in eine Einrichtung gesteckt: die Kranken ins Krankenhaus, die Behinderten ins Behindertenheim, die Psychotischen in die Psychiatrie,  die Alten ins Pflegeheim, die Sterbenden ins Hospiz und die Bösen ins Gefängnis. Alles schön getrennt. Der übrigbleibende Rest der Menschheit führt „das schöne Leben!“

Die Praxis hilft uns dabei, einen Raum zu öffnen, der diese Trennungen überwindet. Im Buddhismus ist es die Übung des grenzenlosen Mitgefühls, die uns dabei hilft, diese Grenzen aufzuweichen und zu überwinden. Es ist dabei hilfreich, alles als eher flüssig oder durchlässig wie eine Membran wahrzunehmen.
Mein Leitsatz für diese Übung stammt vom Gründer des chinesischen Chan-Buddhismus im 9. Jhdt. n. Chr., Dongshan Liangjie. Er sagt in seinem Erleuchtungsgedicht sowas wie: „Es ist jetzt ich, aber ich bin nicht es“.

Sich selbst und Andere als durchlässig wahrzunehmen bedeutet allerdings nicht, dass es keine Grenzen gibt, nur die Art und Weise wie diese vermittelt werden, stammt aus einer anderen Sichtweise. Einer Sichtweise, in der wir uns alle, wie schon erklärt, als wechselseitig miteinander verbunden ansehen und damit alle auf einer Augenhöhe sind. Auf der einen Seite kein Kranker, Behinderter, Sterbender, pflegebedürftiger Klient, psychisch Kranker oder Gefängnisinsasse und auf der anderen Seite kein Therapeut oder Heiler.
Wir als Seelsorger teilen nur etwas aus unserem eigenen Erfahren heraus. Dieses Erfahren entspringt aus der eigenen Praxis der Kontemplation. Im Herzsutra, dem wichtigsten Sutra des Mahayana-Buddhismus, heißt es: „Leer sein vom eigenen Sein“. Dieses „Leer sein vom eigenem Sein“, ist das ureigenste Ziel unserer buddhistischen Praxis und diese Praxis ist die Grundlage unseres Tuns als buddhistische Seelsorger. Die Quelle ist eine Sichtweise die aus dem Feld von „Prajna Paramita“ genährt wird. Wir öffnen ein Feld, einen Raum, in dem nicht bewertet,  beurteilt, bertatschlagt wird, einen Raum in dem alles erscheinen darf. Dieses Fundament, das absolut grenzenlose Gesehenwerden-Dürfen des Anderen, welches das Entfalten des Gegenübers erst wahrhaftig möglich macht, ermöglicht das bedingungslose und vollständige Annehmen des Anderen. Dieses Annehmen und Gesehenwerden birgt das große Potential für eine grundlegende Veränderung, denn nur so kann sich das Gegenüber auch selbst sehen und annehmen. Dies ist die grundlegende Erfahrung von Mitgefühl für sich selbst. Die daraus entstehenden Erkenntnisse sind die Basis für eine sich entwickelnde Verantwortung für das eigene Leben und somit auch jenes der Mitmenschen. Das Wichtige dabei ist der Prozess und die Begleitung dessen.

Seelsorge ist keine dogmatische Methode, die auf empirischen Erkenntnissen beruht.
Die Basis ist unsere ureigenste innewohnende Möglichkeit des allumfassenden, grenzenlosen Mitgefühls. Meine abrahamitisch geschulten Kollegen sprechen hier immer von der Fähigkeit der uneingeschränkten Liebe.
Seelsorge ist prinzipiell konfessionslos, die Möglichkeit sie auszuüben wird allerdings gespeist aus der eigenen kontemplativen Praxis und dem daraus gewonnen Erfahren der permanenten wiederkehrenden Transformation. Die Basis um diese Transformation zu erfahren ist das eigene bedingungslose Einverständnis mit allem, was einem begegnet und allem, was in einem aufsteigt, nicht auszuweichen, sondern genau hinzusehen. Sich seinen eigenen Dämonen und denen der Anderen aufrichtig und wahrhaftig zu stellen und ihnen zu begegnen.

Gemeinsam mit Susanne Halbeisen und Freunden haben wir, um dies auch im realen Leben zu verwirklichen, den Verein „1000 Hände – gelebte Verbundenheit“ gegründet, der sich in erster Linie um Menschen kümmern wird, die im ersten Arbeitsmarkt wenig Chancen haben, wie ehemalige Gefängnisinsassen oder Obdachlose. Hier gehts zum Konzeptpapier.

Der Verein wurde gerade gegründet und befindet sich im Aufbau, Mithilfe ist willkommen!

Aus diesen obigen Sätzen entstehen natürlich unglaublich viele Fragen, über das wie und warum und Missverständnisse sind unvermeidlich.
Nachdem diese aber hier nicht alle beantworten werden können, lade ich jeden herzlich ein, mit mir darüber zu reden, im direkten Austausch, ohne soziale Medien.

Schreib mir!