Liebe Leser, hier findest du meinen Blog, der auch Teil unseres nun entstehenden Sangha-Blogs auf www.daijihi.org ist.
Es gibt keine keine Kommentierfunktion, aber ich bin für jeden Dialog offen, schreib mir unter andreas@hagn.or.at

1.6.2020
Die Bedeutung von Sangha in Corona Zeiten

1. Juni 2020

Die drei Juwelen, „Buddha, Dharma und Sangha“, dienen seit jeher als Zuflucht und dies besonders in schwierigen Zeiten. In Zeiten, in denen jeder aus der globalen Gemeinschaft durch die Covid-19 Pandemie persönlich betroffen ist, ist das dritte Juwel, die „Sangha“, von enormer Bedeutung.

Das Wort „Sangha“ bedeutet eigentlich die buddhistische Gemeinschaft der Praktizierenden und ist im herkömmlichen Gebrauch auch auf eine Traditionslinie und einen bestimmten Lehrer bezogen.
Für mich war diese Bedeutung schon immer zu eng gefasst und ich habe den Begriff Sangha schon immer ausgeweitet, in meiner Arbeit als Seelsorger auf mein gesamtes Umfeld und im Endeffekt auf die gesamte Weltgemeinschaft. Denn wir alle sind miteinander wechselseitig verwoben und voneinander abhängig. In Corona-Zeiten zeigt sich dies mehr denn je auf allen Ebenen. Methoden, die diese Verbundenheit als eigene körperliche Erfahrung wahrnehmbar machen, gehen immer mehr verloren. Dadurch fällt es uns im normalen Alltag immer schwerer, diese Bruchlinien zu erkennen. In der aktuellen Krise jedoch offenbaren sich diese Brüche und Spaltungen immer deutlicher auf vielen Ebenen, verstärkt durch die staatlichen Maßnahmen.
Hier ein paar Zeugnisse dieser tiefliegenden Wunden, Ängsten und der puren Verzweiflung, die daraus entstanden sind und immer weiter entstehen. Dies sind nur einige Geschichten aus meinem engsten Umfeld, die in ihrem Ausmaß eine dramatische Dynamik entwickeln, die ich so noch nicht erlebt habe:
das dreijährige Kindergartenkind, das sich aus tiefer Angst schreiend von seinen Kameraden in die Ecke drängen lässt, nur weil diese es umarmen wollen;
der Zehnjährige, der mehrere Panikattacken erleiden musste, aus Angst seine Großeltern anzustecken und damit ihren Tod zu verantworten;
der Geschäftsmann, der sich am zweiten Tag nach der Wiedereröffnung im Geschäft erhängt, da einerseits keine Kunden kommen und er andererseits große Angst vor einer Ansteckung hat;
eine Freundin, deren 92-jährige Mutter wegen Herzbeschwerden ins Krankenhaus muss, im ersten Krankenhaus nicht aufgenommen wird, da sie keinen Covid-19-Test vorlegen kann, während des Transports ins weiter entfernte Krankenhaus einen Herzstillstand erleidet, von ihrer Tochter aber nicht begleitet werden darf, …

Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, wie Corona unsere Leben auseinanderreißt.

Unsere Sangha-Freundin und Psychotherapeutin Beatrix möchte solche Geschichten gerne in einem eigenen Projekt vereinen. Wenn ihr daran Interesse habt, schreibt uns unter info@daijihi.org

Auf größerer Ebene offenbart sich, wie das gemeinschaftliche Leben und die Debatte, ganz egal ob in der Politik, Wissenschaft oder in den Medien, inzwischen durch eine Polarisierung vollkommen vergiftet ist, es existiert nur mehr ein Richtig oder Falsch, Differenzierung und Vielfalt sind vollkommen abhandengekommen.
Es offenbart sich aber auch ein absoluter Glaube an ein transhumanes Menschenbild, das unabhängig von unseren althergebrachten, mitgegebenen Wurzeln existiert. Früher war unser Leben kontemplativ geprägt, eingebunden in eine gemeinschaftlich gelebte Spiritualität, die unser Geborenwerden, Sterben, Leben und Fehlermachen in einen größeren Kontext integrierte.  Ein Zusammenleben, das im direkten, körperlichen Kontakt stattfand, alle Sinne ansprach. Dieses „besinnte“ Menschenbild befindet sich in Auflösung.

Stattdessen entsteht der Versuch der vollkommenen Entmenschlichung hin zu einer Transhumanität, die an die Lebensverlängerung um jeden Preis und an eine erreichbare Unsterblichkeit glaubt. Begründet in einer Wissenschaft, die immer in der Zukunft lebt und nicht im Hier und Jetzt nach den Ursachen sucht, in der reinen Symptombekämpfung verhaftet ist. Ein Menschenbild, das Kontakt und Berührung ausschließt und verbannt. Obwohl die Wissenschaft schon bewiesen hat, wie wichtig Kontakt und vor allem Berührung für unser Wohlbefinden sind und auch für Heilungsprozesse, denn Berührung setzt Hormone frei, die diese komplexen Prozesse steuern.
Ein Menschenbild, in dem eine kontemplativ geübte Intuition keinen Platz hat, in dem Ethik und Moral ohne kontemplative Rückbindung in gesellschaftliche Regeln gegossen werden.
Ein Menschenbild, das Maschinen glorifiziert, von künstlicher Intelligenz spricht und dabei vergisst, dass Intelligenz etwas mit Lebendigkeit zu tun hat und nie von Maschinen hervorgebracht werden kann. In dem das Wort „Digitalisierung“ inzwischen als Wundermittel angesehen wird und übrigens in der Krise einen enormen Schub erleben durfte.
Ich rede nicht davon, dass dies alles schlecht wäre, ein gutes Gegenbeispiel sind Assistenzsysteme, die sehr hilfreich sein können, oder Verfahren der modernen Medizin, die viele Leben retten. Ich meine die Verherrlichung von Science-Fiction-Fantasien, aus der Angst heraus, dass wir fehlerhaft sind und sterben werden.

Aber was uns weder Wissenschaft noch moderne Medizin bieten können, ist ein körperliches Zusammensein mit kontemplativer Rückbindung an ein größeres Ganzes. Wenn uns das abhandenkommt, verlieren wir unser Sein als Mensch, verlieren das Bewusstsein für unsere Sterblichkeit und Fehlerhaftigkeit. Für diese beiden Tatsachen des menschlichen Daseins müssen wir Offenheit entwickeln, einen Raum öffnen, in der sie möglich wird.

In unserer Wiener Sangha haben wir in den letzten Wochen einen virtuellen Dialograum geschaffen und diesen jetzt auch schon teilweise in unsere gespürte körperliche Realität gebracht, wo die Vielfalt unseres Seins sich entfalten darf und gesehen und gehört wird.
In unserer Praxis sind Samsara, alles Leiden der Welt und Nirvana, alles Glück der Welt, in jedem Moment gleichzeitig vorhanden, dürfen da sein und erscheinen. Im Soto-Zen sprechen wir von „nicht Eins und nicht Zwei“, keine Absolutheit und keine Dualität, alle Vielfalt dieser Welt darf da sein und wird gesehen, eine Lösung für die Mehrdeutigkeit der Welt, für dieses Paradoxon der entgegengesetzten Vielfalt. Die Lösung ist nicht die Vereinfachung. Das ist es, was Buddha als den Weg der Mitte bezeichnet. Damit ist nicht der weltliche Kompromiss gemeint, in dem um des lieben Friedens Willen ein kleinster gemeinsamer Nenner gefunden wird, der für niemanden passt!

Wir haben auch mit dem ersten Retreat in unserem Haus im 13. Bezirk den Raum geschaffen, intensive Soto-Zen-Praxis in unser alltägliches Leben stärker zu integrieren und werden dies die nächsten Monate ausbauen und all unsere Praxisaktivitäten dorthin verlegen. Wir sind gerade dabei, einen größeren Zendo im Erdgeschoss einzurichten.

Wenn wir die ganze Weltgemeinschaft als Sangha ansehen, müssen wir uns und unsere Praxis dafür öffnen und außerhalb der Klöster und Zen-Zentren mitten im Leben praktizieren. Unser Projekt „1000 Hände – gelebte Verbundenheit“ ist ein Versuch, dies zu verwirklichen!

Wir werden dieses Projekt mit einer Dialogplattform erweitern, in der wir mit Wissenschaftlern und Praktikern den oben genannten Auswirkungen entgegensteuern.

Mehr findest du in unserem Konzeptpapier zu „1000 Hände-gelebte Verbundenheit“

28.4.2020
Ein Plädoyer für Nähe und Mitgefühl, für die Wiedereröffnung der Herzen!
Gegen die Verbreitung von Angst und Schrecken, sondern für die Kultivierung von Besonnenheit, Fürsorge und Mitgefühl und wie uns Zen-Buddhismus dabei unterstützen kann!
Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls

 

Auf der einen Seite haben mich die letzten Wochen sehr gestärkt. Im Zen nennen wir so eine intensive Phase des Rückzugs eine Praxisperiode, mit intensiver regelmäßiger Meditationspraxis, man lebt zurückgezogen und verlässt das Kloster nicht. Der Rückzug schloss meine Familie mit ein, aber wir haben schnell einen virtuellen Raum geschaffen, um unsere Übungen im Zen und Qigong weiter teilen zu können. Wir haben eine sich gegenseitig sehr wertschätzende Gemeinschaft aufgebaut, in der die unterschiedlichsten Charaktere zusammenkommen, sich austauschen, gegenseitig Rat und Halt geben über diese gemeinsame Praxis. Das nährt mich sehr und es ist das, was ich als Sangha (buddhistische Gemeinschaft) verstehe.

Aber der Unterschied zu einer Praxisperiode ist: das war alles nicht freiwillig!

Auf der anderen Seite war für mich das unermessliche Leid, das diese Lockdown-Maßnahmen hervorrufen, schnell spürbar! In meiner unternehmerischen Tätigkeit habe ich bald zu verstehen begonnen, was das alles bedeuten wird! Aber noch viel tragischer wurde mir in meiner ehrenamtlichen seelsorgerischen Tätigkeit vor Augen und Ohren geführt, welche dramatischen psychosozialen und emotionalen Auswirkungen diese Lockdown-Maßnahmen haben. Die Anrufe und Nachrichten haben sprunghaft zugenommen, egal ob von Gefängnisinsassen, von meinen psychisch kranken Schützlingen oder den ehemals Obdachlosen, die ich betreue. Hinzu kamen immer mehr Freunde und Kollegen, die ihre tiefe Beunruhigung zum Ausdruck gebracht haben.

Ich hätte nie gedacht, dass ich erleben würde, dass innerhalb von ein paar Wochen eine Bewegung entsteht, ein solch großer Strom, dem man nichts entgegenstellen kann, in dem nur eine Wahrheit Gültigkeit besitzt, jede andere Sichtweise dermaßen stark abgelehnt wird und dies sogar im engsten Freundes- und Familienkreis.

Wo einem sofort ein Wortschwall, Shitstorm oder Missachtung trifft, wenn man nur irgendwie Zweifel oder Kritik and den gesetzlich verordneten Maßnahmen hegt. Eine Art Massenpanik geht rund um die Welt, von den Medien weiter angeheizt und getragen von der Angst vor dem Virus.
Wo fast alle Medien sämtliche journalistischen Grundsätze des Hinterfragens und den Anspruch, die Dinge aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, vergessen haben.
Wo vormals harmlos scheinende Klimapolitiker der Grünen dieser Politik der Angst und des Schreckens in Wort und Tat Ausdruck verleihen!
Wo Pressekonferenzen zu Inszenierungen dieser Angst-und-Schreckens-Politik werden, durch das martialische Auftreten der Akteure und in denen jede Wortmeldung mit den neuen Todeszahlen begonnen wird und so die Angst neu aufflammen kann!
Wo Wissenschaft nur mehr in eine Richtung ausgeübt wird, nämlich ausschließlich in die, in der die Regierungsmeinung gestärkt wird.
Wo durch diese Art und Weise der Kommunikation Vernaderung, Bespitzelung und Denunziation aufkeimen.

Wissenschaft lebt vom Zweifel und der Diskussion darüber, so wird Erkenntnis gewonnen.
Wir wissen alle nicht, was wirklich los ist!

Wir glauben, etwas zu wissen und dieser Glaube bedient unsere prinzipiellen Überzeugungen, die uns geprägt haben, es entsteht ein Teufelskreis, angetrieben von unseren Ängsten.

Im Buddhismus kennt man fünf große Ängste und zwei davon werden gerade im Übermaß bedient und brechen jetzt über unsere Gesellschaft herein: die Angst vor dem Tod und die Angst vor dem Verlust unserer Existenzgrundlage.
Den Tod haben wir aus dem alltäglichen Bewusstsein verdrängt hat, alles unternommen, damit wir nicht daran erinnert werden, dass das Leben letztendlich endlich ist!
Im Zen reden wir vom Tod als dem großen Übergang. Der Tod ist die spirituellste Dimension unseres Seins, diese größte, letztgültige Übung des Loslassens unseres Selbst.
Im Kampf um die Sicherung unserer Existenz behindern wir uns meist dadurch, dass wir zu lange an unseren alten Konzepten festhalten und somit neue Wege nicht vorstellen können, die uns aus der Krise heraushelfen.
Dieses Loslassen zu erlernen ist eine der Hauptübungen im Zen. Der Zen-Meister Kosho Uchiyama sprach davon, die Hände des Denkens zu öffnen, das heißt unsere Gedanken loszulassen. Dies ist die Hauptübung beim Sitzen in Zazen, der Meditationsübung im Zen. Dabei werden mit der Zeit auch unsere prinzipiellen Überzeugungen weicher und durchlässiger. Außerdem ist seit längerem unstrittig, dass Meditation sehr hilfreich gegen Stress ist. Und all diese momentan vorherrschenden Ängste gehen direkt an die Wurzel unseres Seins und produzieren großen Stress, der sich auch auf unser Immunsystem auswirkt, welches wiederum verantwortlich für den Umgang mit Viren ist. Aber auch ganz allgemein hat unsere Lebensweise große Auswirkungen auf unser Immunsystem. Die neuesten Forschungen zum Mikrobiom oder Holobionten und die Psychoneuroimmunologie geben darüber Auskunft. Drogen, Alkohol, Rauchen, Übergewicht und andere Faktoren haben großen Einfluss auf unsere Gesundheit, vor allem unsere Ernährung spielt eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang ist es eine unglaubliche Chuzpe, dass McDonalds als erstes Restaurant wiedereröffnen durfte!

Ich schäme mich inzwischen dafür, die Grünen gewählt zu haben. Ich war anfangs natürlich für die Maßnahmen und in besonnener Form bin ich das auch heute noch, vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem müssen wir schützen!
Doch wie anfangs geschildert war schnell klar, welche Auswirkungen die Lockdown-Maßnahmen haben und dies haben sicher auch unsere Regierenden mitbekommen. Es war auch ersichtlich, dass die Auswirkungen des Virus bei uns in Österreich nicht solche Ausmaße annehmen werden wie in anderen Ländern.
Aber es wurde nicht gehandelt, ganz im Gegenteil, es wurde weiter Öl ins Feuer gegossen und die Inszenierung der Horrorszenarien ging weiter. In diesen Momenten hätten die Besonnenheit und Einsicht einkehren müssen!
Es ist die Art und Weise der Kommunikation und wie die Entscheidungen getroffen wurden, die mich betroffen und wütend machen! Denn so wird kein Zusammenhalt generiert, ganz im Gegenteil, Missgunst, Argwohn, Hass und vor allem psychische Probleme quellen überall heraus!
Eine Freundin berichtete mir beispielsweise, dass ihr 10-jähriger Sohn bereits mehrere Panikattacken hatte, aus Angst davor, sich anzustecken und dadurch den Tod seiner Großeltern zu verursachen. Diese Geschichten lassen sich unendlich fortsetzen, es ist einfach unfassbar, welche Energien hier in Bewegung gebracht wurden!
Wir können nie wirklich wissen, wie sich unsere Handlungen tatsächlich auswirken, aber es geht in erster Linie immer um unsere Absichten und Intentionen und wie wir diese mit anderen teilen!

Es gab und gibt keine gesellschaftliche Gesamtsicht auf die Ereignisse. Es werden nicht alle Meinungen öffentlich dargestellt und noch dazu wurde uns jede Form der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entzogen. Wieso mussten wir die gleichen Maßnahmen übernehmen wie der autokratischste Staat der Welt, nämlich China?

Ein weiterer Lernprozess im Zen ist, dass wir über unsere körperlichen Erfahrungen lernen, mit uns selbst und anderen in Beziehung zu kommen, Nähe zu uns selbst und anderen zu entwickeln, ohne dabei unsere Sprache zu verwenden. Wir lernen, einen Raum in uns und um uns herum wahrzunehmen, ein Gewahrsein aufzubauen und mit unserer Umgebung ständig in Verbindung zu bleiben. Natürlich kann diese Verbundenheit, mit einer gewissen Übung, auch virtuell spürbar werden, aber wir bemerken einen großen Unterschied zur tatsächlichen körperlichen Anwesenheit, im Zen sprechen wir gerne von der Übertragung „von Herz zu Herz“. Und genau das brauchen wir jetzt!
Die Beunruhigung durch die Kontaktlosigkeit ist groß, das Bedürfnis nach Verbindung und Nähe ist tief in uns verwurzelt, wir sind soziale Wesen. Der Begriff des Social Distancing ist daher vollkommen falsch gewählt, denn wir können uns auch mit Abstand nahe sein.
Darum lasst uns unsere inneren Begrenzungen durch die Angst aufheben, lasst uns Nähe üben, besucht die Verwandten und Alten, lasst uns wieder Augenkontakt aufnehmen, oder beim Spaziergehen die Vorbeihuschenden kurz anlächeln.
Lasst uns im nächsten Alters- oder Pflegeheim, in der nächsten Behinderten-WG oder ähnlichen Einrichtungen anrufen und mit den Zuständigen abklären, wer dringend Unterstützung braucht, wir können Hilfe leisten, auch mit Abstand!

Lasst die Fürsorge und das Mitgefühl sprechen und nicht die Angst! Das ist Zusammenhalt in einer Gemeinschaft!

 

19.4.2020
Wenn der Eimer den Boden verliert
Honghzi Zhengue, 1091-1157

 

In diesen schwierigen Zeiten, in denen Ängste und Unsicherheiten in unser aller Leben bei uns allen überhand nehmen, ist es ganz entscheidend, nicht in unserer vermeintlich geglaubten Realität, unseren Begierden, Träumen und Wünschen steckenzubleiben, sondern Moment für Moment im Hier und Jetzt zu leben.
Im Moment zu sein ist im Zen die größte Intention und zu lernen, die Dinge loszulassen, ist dabei die entscheidende Übung. Diese Übung ist gerade in der jetzigen Krise sehr hilfreich, denn derzeit fühlt sich unser Leben unsicher an, man hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen, der Eimer hat den Boden verloren
Der Zen-Meister Honghzi Zhengue, der von 1091 bis 1157 in China lebte, schrieb in seinen Praxisanweisungen: „Menschen, denen der Boden aus dem Eimer gefallen ist, finden vollkommenes Vertrauen“.
Wenn wir Zazen sitzen, passiert es immer wieder, dass wir an unsere Grenzen stoßen, oft verbunden mit dem Auftauchen von großen, unergründlichen Ängsten. Diese Mauer erscheint unüberwindlich, aber wenn wir in diesem Moment die Hände unseres Denkens öffnen und uns in die Dunkelheit unseres Seins hineinfallen lassen, es kein Element mehr gibt, an dem wir uns festhalten, was fängt uns dann auf, wenn wir in unser bodenloses Dasein fallen?
Das Wort „Dharma“ hat viele Bedeutungen, eine wörtliche Übersetzung ist: „das, was hält“, und genau dort landen wir, wenn wir fallen, vor unserem unterscheidenden, diskriminierenden Denken, dort wo die wahre Wirklichkeit entsteht, leer von unserem eigenen Sein. Ich denke, das ist gemeint, wenn wir sagen „wir geben uns dem Dharma hin“ oder „wir müssen nichts tun, der Dharma kümmert sich“.

5.4.2020
Back to Life, Back to Reality – Über die Rückkehr des Todes in unser Bewusstsein und den Umgang damit

 

Jizo, der Wächter der Welt

In den letzten Wochen ist durch die Krise eine unserer grundlegendsten Lebenswahrheiten wieder an die Oberfläche gespült worden. Viele Jahrzehnte hat die Gesellschaft daran gearbeitet, ihn zu verstecken, aber die Pandemie durch Covid 19 hat es geschafft – der Tod ist wieder Teil unseres allgemeinen gesellschaftlichen Lebens geworden. Das ist gut so, aber wir sehen auch gleichzeitig, dass uns dabei eine Ebene abhandengekommen ist, die wir in diesen Zeiten dringend benötigen – eine spirituelle, kontemplative.
Die Wissenschaft und die Politik versuchen verzweifelt, uns mit extremen Maßnahmen davor zu schützen, was gut ist, aber nicht ausreichend. Wir wissen, dass es frühestens in einem oder zwei Jahren einen Impfstoff geben wird, ein linderndes Medikament vielleicht schon früher. Die Psychologie versorgt uns mit Ratschlägen, wie wir mit der Furcht umgehen können, aber all das beruhigt nicht diese tiefliegenden Ängste vor dem Unausweichlichen. Gepaart mit der Unsicherheit, die diese Krise mit sich bringt, ist es ein explosives Gemisch. Diese Unsicherheit, dass morgen nichts mehr so ist, wie es gestern noch war, wie wir es gewohnt sind. Diese Gewohnheiten geben Halt, das Fehlen der alltäglichen Rituale, die wir nun alle vermissen, stürzt uns in ein rahmenloses Dasein und erzeugt in uns ein Gefühl von Sinnlosigkeit. Es wirft uns in den Schatten unseres Daseins. Wenn alles im Außen stillsteht und wir keine Übung darin haben, uns mit unserem Innenleben zu verbinden, verbinden auf eine Art, die Vertrauen schafft, prinzipielles ursprüngliches Vertrauen in unser Sein, wenn diese Brücke nicht vorhanden ist, bleibt ein Gefühl der Unruhe, das in uns großen Stress erzeugt und dies wird derzeit enorm spürbar.
Viele nehmen den Begriff „social distancing“ derzeit wirklich ernst, trauen sich nicht einmal mehr, jemandem in die Augen zu schauen, wechseln schreiend die Straßenseite. Tatsächlich geht es darum, Abstand zu halten, denn soziales Miteinander bedarf nicht unbedingt körperlicher Nähe! Diese Rituale, die bereits vor ein paar Wochen schwierig zu finden waren, sind uns durch die Angst nun vollkommen abhandengekommen.
Die Übung einer kontemplativen Tradition ist heute wichtiger denn je, diese tiefe Stille zu finden, die uns allen ein Heim ist und uns alle miteinander verbindet. Es wurde jedoch vergessen, sie bei allen in der Krise gesetzten Maßnahmen miteinzubeziehen, beziehungsweise sie überhaupt zu benennen. Durch den Rückzug der christlichen Kirchen in den letzten Jahren, aus bekannten Gründen, ist diese Dimension unseres Seins vollkommen aus dem gesellschaftlichen Leben verschwunden und dieses Vakuum wird in diesen Tagen sichtbarer denn je. Menschen, die in einer kontemplativen Tradition verankert sind, wissen, dass das Leben letztendlich endlich ist und der Tod oft früher kommt als gedacht. Wann er kommt, wissen wir nicht. Trotz aller modernen Bemühungen hat es ein Virus, von einer Fledermaus übergesprungen, geschafft, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen und dies innerhalb von drei Monaten!

Dreht das Licht um, so sagt es Eihei Dogen im 13 Jhdt. in Japan, und begebt euch auf die Reise in euer Inneres, lernt euren Weltinnenraum zu erkunden, wie es Rainer Maria Rilke nannte.

Wir haben darin Übung und möchten euch gern dabei unterstützen, die ersten Schritte zu machen.

Einführung in die Zen Meditation:
jeden Montag auf Anfrage in Zoom, bitte schreib uns unter: info@daijihi.org

16.3.2020
Unterstützung im Shutdown

 

Wir sind nun in Österreich im Stadium einer Ausgangssperre angelangt. In dieser außergewöhnlichen Situation sind wir alle mehr gefordert als je zuvor. Die Statue des Fudo Myoo gilt als der Standfeste, Unbeugsame der auch das ungestüme Mitgefühl ausdrückt und genau dies brauchen wir mehr als je zuvor! Dies ist größer als alles, was es zuvor in unserer modernen Welt gab und vor allem es ist nicht sichtbar, nicht greifbar. Es gibt keinen Bösen, der Gewehrsalven abfeuert oder einen Krieg begonnen hat, Bomben wirft, aber es ist da und bedroht unser aller Leben. Es unterscheidet nicht zwischen arm und reich, Geschlecht oder Hautfarbe, vielleicht noch zwischen alt und jung, aber auch das scheint nicht so sicher. Diese Situation ist so neu, noch nie dagewesen, dass sie enorm große Ängste und Sorgen hervorbringt. Lasst uns alle dabei helfen, diese Situation zu meistern!

In meiner Funktion als Seelsorger und speziell als Gefängnisseelsorger bin ich dauernd mit vielen dieser Ängste konfrontiert: ich bin ganz allein, niemand besucht mich, wie geht es weiter, was passiert mit meiner Arbeit, meiner Familie, meinen Eltern und Kindern, wie werde ich das alles finanzieren?

Wenn wir uns in diese Ängste hingeben und uns in ihnen versenken, versteinern sie uns, nehmen uns jedes Vertrauen und jede Hoffnung. Vertrauen ist aber in dieser Situation, in der niemand wirklich weiß, wie es weitergeht, sehr wichtig. Unser Zen-buddhistische Praxis hat dafür über die Jahrhunderte hinweg viele Werkzeuge hervorgebracht, die uns dabei helfen können, dieses Vertrauen zu entwickeln und es zu bemerken.

Als Seelsorger bin ich jederzeit bereit euch dabei zu unterstützen, ruft mich an unter +436767906230 oder vereinbart einen Skype- oder Zoom-Termin mit mir.

Liebe Grüße

Andreas Hagn